Nicki Thiim (DK/Comtoyou Racing) reist als Tabellenzweiter und einer der Titelkandidaten zum Nürburgring. Der Traditionskurs in der Eifel ist für den Werksfahrer von Aston Martin weit mehr als nur die nächste Station im engen Meisterschaftskampf. Vor dem sechsten Saisonstopp (14. bis 16. August) spricht Thiim über seine besondere Verbindung zum Nürburgring, das entscheidende Vertrauen ins Fahrzeug und den Umgang mit Rückschlägen.
Nicki, mit welchem Gefühl reist du an den Nürburgring?
Ich bin vor allem unglaublich glücklich und stolz auf das, was wir bislang als Team erreicht haben. Comtoyou Racing ist ein vergleichsweise kleines Team und bestreitet erst die zweite DTM-Saison. Trotzdem haben wir bisher nahezu fehlerfrei gearbeitet. Dass wir als Tabellenzweiter zum Nürburgring reisen und überhaupt über den Titel sprechen können, ist etwas, wovon wir vor der Saison geträumt haben. Natürlich ist es noch zu früh, um zu viel darüber nachzudenken. Aber klar ist auch: Wenn man Zweiter in der Meisterschaft ist, gehört man zu den Kandidaten.
Was macht den Nürburgring so besonders?
Rund um den Nürburgring wird Motorsport gelebt. Man muss nur in die kleinen Orte in der Eifel fahren. Fast jeder Mensch dort hat irgendeinen Bezug zum Rennsport. Die gesamte Region ist vom Motorsport geprägt und ist genau dafür weltweit bekannt. Dazu fahren fast alle DTM-Piloten dort mehr Runden als auf jeder anderen Strecke, weil viele regelmäßig in der Nürburgring Langstrecken-Serie und beim 24-Stunden-Rennen antreten.
Was zeichnet die Sprintstrecke am Nürburgring aus?
Die kurze Variante ist gerade für die Fans schön, weil sie die Autos sehr häufig sehen. Für uns Fahrer ist der Kurs eine gute Mischung aus engen Kurven und schnellen Passagen. In der Mercedes-Arena ist es besonders knifflig, weil bereits die erste Kurve beeinflusst, wie man durch den gesamten ersten Sektor bis zur fünften Kurve kommt. Danach folgen einige schnelle Passagen und die Schikane, über die man richtig schön drüberballern kann. Das sieht im Fernsehen gut aus und macht auch im Auto viel Spaß. Dazu ist die Schikane schwieriger zu fahren, weil man sie wirklich perfekt treffen muss. Genau das liebe ich an der DTM: Wir fahren häufig andere Streckenvarianten als in vielen weiteren Rennserien.
Wie erklärst du dir deine starke Saison?
Die Antwort ist für mich relativ einfach: Ich sitze endlich in einem Auto, in dem ich mich wie zu Hause fühle. Ich wollte in meiner gesamten Karriere unbedingt DTM fahren und wusste, dass die ersten Jahre intensiv werden würden. SSR Performance und Abt Sportsline haben mir damals die Möglichkeit gegeben, wofür ich sehr dankbar bin. Mir war aber auch klar, dass es als Aston-Martin-Werksfahrer in einem Lamborghini schwierig sein würde, auf Augenhöhe mit jemandem wie Mirko Bortolotti zu fahren. Aber ich bin ein Mensch, der Herausforderungen liebt. Ich habe meinen Namen und meinen Ruf aufs Spiel gesetzt, weil ich mir unbedingt meinen Kindheitstraum von der DTM erfüllen wollte.
Warum ist das Vertrauen ins Fahrzeug so entscheidend?
Als Rennfahrer muss vieles instinktiv passieren. Sobald man im Auto zu viel darüber nachdenkt, was in der nächsten Kurve passieren könnte, wird man automatisch langsamer und hält ein wenig zurück. Den Aston Martin kenne ich in- und auswendig. Genau dieses Vertrauen braucht man in der DTM, weil das Feld unglaublich eng zusammenliegt. Man muss die entscheidenden ein oder zwei Zehntelsekunden herausquetschen. Im Qualifying muss man teilweise über das Limit gehen und genau wissen, wie das Fahrzeug dann reagiert. Ohne dieses Gefühl hat man in der DTM keine Chance.
Was denkst du über Kritiker, die dich vor der Saison eher als Entertainer und weniger als Siegfahrer gesehen haben?
Im Endeffekt ist mir das egal. Wenn man die Meinungen von außen nicht ertragen kann und keinen Umgang damit findet, braucht man gar nicht erst anzufangen. Das ist das Schöne am Sport: Im Profibereich spielt sich sehr viel im Kopf ab. Entscheidend ist, dass man selbst an sich glaubt. Ich habe in den vergangenen Jahren auch außerhalb der DTM einige große Rennen gewonnen, zum Beispiel die 24 Stunden von Spa. Aber natürlich macht mir diese DTM-Saison besonders viel Spaß. Jetzt kann ich zeigen, dass ich zu den Top-Fahrern gehöre.
Du gehörst zu den markantesten Charakteren der DTM. Warst du schon immer so?
Ich bin in einer Zeit aufgewachsen, in der viele Rennfahrer starke Persönlichkeiten waren. Mein Vater gehörte genauso dazu wie Roberto Ravaglia, Johnny Cecotto oder Nicola Larini. Auch die Actionfilme der 1980er- und 1990er-Jahre lebten von prägnanten Charakteren. Wahrscheinlich bin ich eine Mischung aus all diesen Typen. Ich bin glücklich, dass ich bei Aston Martin genauso sein darf, wie ich bin. Gleichzeitig freue ich mich, dass meine Art bei vielen Fans gut ankommt.
Was erwartest du für die Schlussphase im Titelkampf?
Maro Engel hat sich einen kleinen Vorsprung erarbeitet und ist in diesem Jahr unglaublich konstant. Wer nach dem Nürburgring noch vorne dabei ist, wird wahrscheinlich bis zum Schluss um den Titel kämpfen. Ich gehe davon aus, dass beim Finale mindestens drei oder vier Fahrer Chancen auf die Meisterschaft haben werden. Gleichzeitig bin ich davon überzeugt, dass wir auf dem Nürburgring wieder vorne mitfahren können.
Dein Vater Kurt weiß, wie man einen DTM-Titel gewinnt. Wie verfolgt er die Saison?
Mein Vater freut sich über meine guten Rennen wie kaum ein anderer. Er war zu seiner Zeit ebenfalls ein Publikumsliebling in der DTM, als Typ aber etwas introvertierter. Typisch skandinavisch eben. Wir tauschen uns über viele Dinge aus, auch wenn der Motorsport damals komplett anders war als heute. Ich freue mich sehr, dass er am Nürburgring erstmals in dieser DTM-Saison vor Ort sein wird. Mein großes Ziel ist, beim Finale in Hockenheim um den Titel zu kämpfen und ihn auch dort als Zuschauer dabeizuhaben.
Text- und Bildmaterial: ADAC Motorsport










